Eine Lanze für die Unzufriedenheit // London #6

january-bluesEine mir sehr nahe stehende Person hat einmal zu mir gesagt, dass ich ein sehr unzufriedener Mensch sei. Der Kommentar hat mich zuerst schockiert, dann traurig und dann nachdenklich gemacht. Ich habe mir die Bemerkung wirklich zu Herzen genommen, habe in vielen Situationen danach an sie gedacht und mein Verhalten mit ihr abgeglichen. Im Großen und Ganzen hat die Bemerkung mich aber vorrangig verletzt. Denn mit dieser Aussage klang auch eine Art Vorwurf mit: du schätzt Dinge nicht genug wert. Du wirst immer unzufrieden sein, egal was du machst. Du hast keinen Sinn für Zufriedenheit und dein Hang zur Unzufriedenheit hat keine ehrliche Referenz, sondern ist lediglich ein Drang nach stetiger Veränderung, weil es irgendwo immer noch besser, größer, schöner ist. Du erreichst Ziele, um neue zu setzen ohne jemals anzukommen. Aber ist das wirklich so?

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Heilig Abend, wir müssen reden.

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Morgen Abend ist es soweit, der besinnlichste aller Tage, der Tag der Liebe und Glückseligkeit steht vor der Tür. Seit Wochen treibe ich mich in heimelig geschmückten Cafés, schön beleuchteten Straßen und auf Weihnachtsfeiern mit lieben Menschen rum. Die Vorweihnachtszeit ist mir tatsächlich eine der liebsten des Jahres, das Weihnachtsfest am 24. könnte mir dahingegen durchaus gestohlen bleiben. Von Medien und auch einigen Freunden wird mir vermittelt, dass an den Weihnachtstagen alles ideal sein wird – Familie, Liebe und Glückseligkeit, das schöne Gefühl nach Hause zu kommen, umsorgt zu sein. Ich will nicht sagen, dass das Gegenteil bei mir der Fall ist, aber doch eine deutlich abgewandelte Version. Diese treibt mir, trotz des vorhandenen Bewusstseins über die teilweise bloß scheinheilig ideale Familienfeier, jedes Jahr erneut ein paar Tränchen ins Auge. Man will meinen man gewöhne sich an wiederkehrende Umstände.

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25 // Politische Geburtstagsgedanken & ein Aufruf

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Heute bin ich 25 Jahre alt geworden. Ein viertel Jahrhundert auf dieser verrückten Erde, in diesem noch viel verrückterem Universum. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich auf einer persönlichen Ebene wohl noch nie so optimistisch ins neue Lebensjahr geblickt habe. Und gleichzeitig so düstere Zeiten erahnt habe. Was sich in den letzten Wochen, Monaten, Jahren politisch abgespielt hat und nun unumstößlich Jedermanns Realität geworden ist, statt eine dunkle Bedrohung, ändert mein Leben unweigerlich. Ich habe noch nie in meinem Leben mit so vielen Menschen über Politik gesprochen, wie im letzten Jahr. Mein Geburtstagstag fällt nämlich zufälligerweise auch auf die Ereignisse von Paris im Jahr 2015. Danach hat sich, zumindest gefühlt, sehr, sehr viel verändert. Politische Diskussionen und Positionen sind wenigstens am Küchentisch wieder salonfähig geworden. So gefragt, dass ich zeitweise sogar das Gefühl hatte, dass wir nur noch reden, um zu reden. Um politisch zu sein. Zumindest im Privaten. Wir sind eine deutsche Generation, die so darauf fokussiert ist, dass sich die Schreckenstaten des 20. Jahrhunderts nicht wiederholen, dass es uns fast unmöglich ist, kritisch zu sein. Unsere politische Einstellung zur Flüchtlingskrise ist schwarz oder weiß. Alles im Graubereich ist bereits nationalsozialistisches Gedankengut. Wir sind so weltoffen, reisen in ferne Ländern, spüren den sogenannten Weltschmerz, dass wir darüber vergessen haben, vor der eigenen Türe mal nachzusehen. Na klar, im Vergleich zur Gesamtsituation leben wir hier in Deutschland im reinsten Schlaraffen-Miteinander. Wir haben so lange eingetrichtert bekommen, dass jeder Mensch „gleich“ ist, dass wir blind geworden sind, Unterschiede zu erkennen, zu benennen und wertzuschätzen und daraus Kapital zu schlagen (eine bescheuerte Redewendung). Wir diskutieren mit Gleichgesinnten, aber sind eingeschüchtert, sobald jemand mehr Wissen hat. Nachfragen, und damit Schwäche in Form einer Wissenslücke zeigen, ist unvorstellbar. Wir reden zwar miteinander, aber wir bringen nichts hervor. Leere Worte. Überlegt euch mal wie viel Wissen in allen Menschen steckt. Wir können so viel voneinander lernen. Wir müssen uns nur trauen. In weit entfernten Ländern scheint das einfach zu sein, aber in unserer unmittelbaren Nähe erfahren wir Hemmung. Weiterlesen

Wieso London? Immer wieder London. // London #4

nussknackerIch bin wohl der schlechteste Tourist der Welt. Das war mir vorher schon klar, aber hier in London kann ich es nicht mehr leugnen. 8 Wochen bin ich nun schon hier, 8 Wochen Zeit einiges, einiges zu entdecken. Was mache ich stattdessen? Ich lümmele mich in meinem beschaulichen Peckham ein, gehe in die Bibliothek und verbringe Abende manchmal damit nur Serien zu schauen. Wenn es mir irgendwo gefällt, kann ich mich dort gut und gerne erstmal niederlassen ohne auch nur den geringsten Drang zu verspüren irgendetwas anderes zu tun. Die vergangenen zwei Wochen waren wohl so, über die Themse bin ich nur selten hinausgekommen. Es ist aber doch auch so schön hier!

Glücklicherweise habe ich nun dieses Wochenende Besuch bekommen und damit einen Grund auf Entdeckungstour zu gehen. Ich lasse mich da gerne führen und bekomme auch gerne etwas erklärt. Eine Touri-Eigenschaft kann ich nämlich besonders gut: staunen und begeistert sein. Möglicherweise liegt diese exorbitante Verblüffung, die ich da an den Tag legen kann, aber auch daran, dass ich sonst so ignorant gegenüber der ganzen Möglichkeiten bin. In so Momenten kippe ich regelrecht aus den Latschen und mein Gesicht gleicht dem eines Nussknacker kurz vor dem Einführen der Nuss.

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Von Goldklunkern und Scheißtagen // Retrospektive Süd-Südamerika

von-goldklunkern-und-scheistagenWenn man alleine die Welt bereisen möchte, muss man sich vorher ein paar mehr oder weniger konstruktiven Nachfragen stellen. Ob man nicht doch mit jemandem reisen möchte oder ob man dadurch nur seiner sozialen Unverträglichkeit hofiert zum Beispiel. Was die Freiheit einem beim alleine Reisen manchmal an Flexibilität schenkt, nimmt sie einem an anderer Stelle wieder mit bitterer Einsamkeit. Momente, in denen man sich selbst hinterfragt, sich für verrückt erklärt und zuweilen auch ein hämisches Grinsen des eigenen Hofnarren zu hören ist: so stark bist du also doch nicht, ha!

Genauso wie das Leben ist auch alleine Reisen nicht schwarz oder weiß, sondern kann durch zig verschiedene, unvorhersehbare Zufälle mal Betongrau oder Hell Rosé sein. Das der Übergang dazwischen fließend ist, hat, zumindest mich, das alleine Reisen ganz nachdrücklich gelehrt. Und das nach Betongrau gezwungenermaßen wieder Hell Rosé kommen muss. Die Frage ist nur wann. Eine reine Geduldsamkeitsübung also. Eine, aus der man wahre Goldklunker fürs echte Leben fischen kann. Weiterlesen

Vom Reisen und Verstehen // Retrospektive Süd-Südamerika

white-background-kopieVor zwei Jahren trat ich eine Reise an. Drei Monate Südamerika. Alleine. Ohne Plan. Es muss ungefähr im Mai gewesen sein, als ich quasi ohne darüber nachzudenken einen Flug nach Buenos Aires buchte. Zu der Zeit verbrachte ich bereits seit sechs Monaten fast jeden Tag in der Juristischen Bibliothek, um mein Gehirn an Paragraphen Zeichen aufgehängt, wenige Monate später in insgesamt 15 Stunden auf ein paar Blättern auszuleeren. Im September 2014 sollte der Spuk vorbei sein, genauso wie der Sommer, und ich endlich wieder frei. Ich beschloss also diese Reise anzutreten, mir meinen Sommer und noch mehr zurückzuholen und musste mir dafür einige Fragen gefallen lassen.

„Südamerika als Mädchen. Ist das nicht gefährlich?“, „Alleine? Wieso nimmst du niemanden mit?“, “Und danach?”, „Was bringt dir das?“. Es ist nicht so, dass ich keine Freunde habe mit denen ich gerne gereist wäre, es war nur einfach so, dass dieses verdammte Jurastudium einen so unmöglichen Zeitplan vorschrieb, dass zu der Zeit, als ich die Reise ins Unbekannte antreten konnte, schlichtweg niemand Zeit hatte. Natürlich, ich hätte ein Praktikum machen und warten können, aber ich wollte nicht. Ich spürte, dass ich diesen Lichtblick brauchte, diese Zeit direkt danach um zur Ruhe zu kommen und fand es für mich persönlich bekloppt die Erfüllung dieses Bedürfnisses von jemand anderem abhängig zu machen. Ein Fakt, der eigentlich normal sein sollte, aber auf erstaunlich viele verdutzte Gesichter traf – größtenteils skeptisch bis verständnislos.

Die meisten Reisenden suchen wahrscheinlich das Abenteuer, neue Eindrücke und Abwechslung zu dem was sonst Alltag bedeutet – Horizont erweitern, wie man so schön sagt. Ich flog noch Südamerika ohne Plan. Vier Wochen Buenos Aires und Spanisch lernen, dann mal sehen. Weiterlesen

One month of London – ein Zwischenbericht // London #3

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(Link to english version below)

Vor genau einem Monat bin ich mit dem Auto hier in London angekommen. „Verrückt“ sagte man mir, „das mit dem Auto“ und „Auswandern nach dem Brexit“ sowieso. Ganze vier Wochen, die mir, wenn ich jetzt gerade so darüber nachdenke, wie ein rascher Augenblick vorkommen. Waren die erste zwei Wochen noch von sightseeing, einleben und klarkommen geprägt, gehe ich nun schon zwei Wochen zur Uni und auch hier: sightseeing, einleben, klarkommen.

London hat mich irgendwo überrannt, obwohl ich so viel Zeit hatte, mich darauf vorzubereiten. Auf eine Stadt wie London kann man sich, glaube ich, gar nicht vorbereiten. London ist wie ein niemals stoppendes Karussell, auf das man entweder aufspringen kann oder ewig außen vor bleibt. Wählt man erstere Option wird man erst einmal durchgeschüttelt, von der Geschwindigkeit, aber auch von der Gemächlichkeit in bestimmten Dingen, von den Preisen, den Eindrücken, den anderen kulturellen Gegebenheiten, der Vielfältigkeit, dem Andersseins. Wahrscheinlich dauert es eine Weile bis man sich an all das gewöhnt. Wahrscheinlich. Vielleicht gewöhnt man sich aber auch niemals daran, bleibt immer verwirrt und perplex, niemals mit der Möglichkeit sich auf seinen Entdeckungen auszuruhen und entweder man hält das aus, lernt mit der Ungewissheit zu leben oder steigt halt irgendwann aus. Weiterlesen

„Einfach machen“ als Handlungsmaxime der Generation Y // Ein persönlicher Umgang und eine objektive Erklärung

Light blue sky with clouds, may be used as background

Ich habe jetzt also vor zwei Wochen angefangen Inhalte für diesen Blog zu schreiben. Oder eher andersherum: die Inhalte schreibe ich schon länger, wenn nicht schon mein ganzen Leben, doch nun habe ich mir ein Herz gefasst sie online zu stellen. Bei dem Gedanken sie hochzuladen, sie zur Kritik zu stellen, sie angreifbar zu machen, sie nicht direkt erklären zu können, verknotet sich mein Magen. Es fühlt sich an wie ein Seelenstriptees ohne Gleichen, wie nackt auf der Bühne festgeklebt zu sein. Und doch in zweiter Instanz genau richtig. Doch wieso gerade jetzt? „Mach doch einfach“ habe ich mir selbst schon unzählige Male gedacht und in naher Vergangenheit auch von Freunden zu hören bekommen, denen ich ein paar Texte gezeigt habe. „Mach doch einfach“ – es scheint schon fast unsere Pflicht zu sein, doch was soll daran einfach sein?

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