Die Schattenseite der Selbstverwirklichung // Oder: Schwärmen ist einfach. London #5

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Ich schwärme gerne. Ich schwärme oft und viel, aber wohl genauso oft beschwere ich mich auch, nörgele und bin überhaupt nicht zufrieden mit dem Status Quo. Die vergangenen 12 Wochen London (ZWÖLF) sind rasend schnell verflogen und der generell bisher vorherrschende Tenor ist durchaus positiv. Wie bereits in vergangenen Texten immer wieder angedeutet: hier erfüllt sich schon ein großer Traum. Einer, der schönerweise auf eine ebenbürtige Realität trifft. Und das macht natürlich vieles einfach. Nichtsdestotrotz habe ich mich in den letzten Wochen auch oft bescheiden gefühlt, habe die ein oder andere Träne rollen lassen, zuweilen auch ganze Bäche. Als ich diesen Blog begann, habe ich mich teilweise ein bisschen geärgert, denn in den vergangenen vier Jahren hatte ich wirklich viele Dinge, die hätten gesagt werden können. Jetzt im Nachhinein, wo alles ganz gut läuft, darüber zu schreiben, wie super es jetzt bei mir doch ausgekommen ist, ist kein allzu großes Hexenwerk. Die wirklich brutalen Realitäten, die diesem ganzen momentanen Glück zuvorgehen, schlummern nun friedlich in der Vergangenheit, eingereiht in die Schicksalskette des Lebens.

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Wieso London? Immer wieder London. // London #4

nussknackerIch bin wohl der schlechteste Tourist der Welt. Das war mir vorher schon klar, aber hier in London kann ich es nicht mehr leugnen. 8 Wochen bin ich nun schon hier, 8 Wochen Zeit einiges, einiges zu entdecken. Was mache ich stattdessen? Ich lümmele mich in meinem beschaulichen Peckham ein, gehe in die Bibliothek und verbringe Abende manchmal damit nur Serien zu schauen. Wenn es mir irgendwo gefällt, kann ich mich dort gut und gerne erstmal niederlassen ohne auch nur den geringsten Drang zu verspüren irgendetwas anderes zu tun. Die vergangenen zwei Wochen waren wohl so, über die Themse bin ich nur selten hinausgekommen. Es ist aber doch auch so schön hier!

Glücklicherweise habe ich nun dieses Wochenende Besuch bekommen und damit einen Grund auf Entdeckungstour zu gehen. Ich lasse mich da gerne führen und bekomme auch gerne etwas erklärt. Eine Touri-Eigenschaft kann ich nämlich besonders gut: staunen und begeistert sein. Möglicherweise liegt diese exorbitante Verblüffung, die ich da an den Tag legen kann, aber auch daran, dass ich sonst so ignorant gegenüber der ganzen Möglichkeiten bin. In so Momenten kippe ich regelrecht aus den Latschen und mein Gesicht gleicht dem eines Nussknacker kurz vor dem Einführen der Nuss.

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abschied.

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ich warte an der tür. 

schlitternd kommst du her. 
wissend, gleich ist es soweit. 
tumult der gefühle. 
stark sein, wertschätzen was ist.
ein blick, ein kuss, 
ein letztes mal berühren.
wärme.
konservieren und mit der erinnerung leben.
gleich. jetzt noch einmal realität.
gestochen scharfe augenblicke.
tschüss. 

der moment spannt sich. 
können wir noch kurz verharren?
wiederholen. 
als würde es den schmerz lindern.
stark sein. unterdrücken.  Weiterlesen

Von Goldklunkern und Scheißtagen // Retrospektive Süd-Südamerika

von-goldklunkern-und-scheistagenWenn man alleine die Welt bereisen möchte, muss man sich vorher ein paar mehr oder weniger konstruktiven Nachfragen stellen. Ob man nicht doch mit jemandem reisen möchte oder ob man dadurch nur seiner sozialen Unverträglichkeit hofiert zum Beispiel. Was die Freiheit einem beim alleine Reisen manchmal an Flexibilität schenkt, nimmt sie einem an anderer Stelle wieder mit bitterer Einsamkeit. Momente, in denen man sich selbst hinterfragt, sich für verrückt erklärt und zuweilen auch ein hämisches Grinsen des eigenen Hofnarren zu hören ist: so stark bist du also doch nicht, ha!

Genauso wie das Leben ist auch alleine Reisen nicht schwarz oder weiß, sondern kann durch zig verschiedene, unvorhersehbare Zufälle mal Betongrau oder Hell Rosé sein. Das der Übergang dazwischen fließend ist, hat, zumindest mich, das alleine Reisen ganz nachdrücklich gelehrt. Und das nach Betongrau gezwungenermaßen wieder Hell Rosé kommen muss. Die Frage ist nur wann. Eine reine Geduldsamkeitsübung also. Eine, aus der man wahre Goldklunker fürs echte Leben fischen kann. Weiterlesen

Vom Reisen und Verstehen // Retrospektive Süd-Südamerika

white-background-kopieVor zwei Jahren trat ich eine Reise an. Drei Monate Südamerika. Alleine. Ohne Plan. Es muss ungefähr im Mai gewesen sein, als ich quasi ohne darüber nachzudenken einen Flug nach Buenos Aires buchte. Zu der Zeit verbrachte ich bereits seit sechs Monaten fast jeden Tag in der Juristischen Bibliothek, um mein Gehirn an Paragraphen Zeichen aufgehängt, wenige Monate später in insgesamt 15 Stunden auf ein paar Blättern auszuleeren. Im September 2014 sollte der Spuk vorbei sein, genauso wie der Sommer, und ich endlich wieder frei. Ich beschloss also diese Reise anzutreten, mir meinen Sommer und noch mehr zurückzuholen und musste mir dafür einige Fragen gefallen lassen.

„Südamerika als Mädchen. Ist das nicht gefährlich?“, „Alleine? Wieso nimmst du niemanden mit?“, “Und danach?”, „Was bringt dir das?“. Es ist nicht so, dass ich keine Freunde habe mit denen ich gerne gereist wäre, es war nur einfach so, dass dieses verdammte Jurastudium einen so unmöglichen Zeitplan vorschrieb, dass zu der Zeit, als ich die Reise ins Unbekannte antreten konnte, schlichtweg niemand Zeit hatte. Natürlich, ich hätte ein Praktikum machen und warten können, aber ich wollte nicht. Ich spürte, dass ich diesen Lichtblick brauchte, diese Zeit direkt danach um zur Ruhe zu kommen und fand es für mich persönlich bekloppt die Erfüllung dieses Bedürfnisses von jemand anderem abhängig zu machen. Ein Fakt, der eigentlich normal sein sollte, aber auf erstaunlich viele verdutzte Gesichter traf – größtenteils skeptisch bis verständnislos.

Die meisten Reisenden suchen wahrscheinlich das Abenteuer, neue Eindrücke und Abwechslung zu dem was sonst Alltag bedeutet – Horizont erweitern, wie man so schön sagt. Ich flog noch Südamerika ohne Plan. Vier Wochen Buenos Aires und Spanisch lernen, dann mal sehen. Weiterlesen

One month of London – ein Zwischenbericht // London #3

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(Link to english version below)

Vor genau einem Monat bin ich mit dem Auto hier in London angekommen. „Verrückt“ sagte man mir, „das mit dem Auto“ und „Auswandern nach dem Brexit“ sowieso. Ganze vier Wochen, die mir, wenn ich jetzt gerade so darüber nachdenke, wie ein rascher Augenblick vorkommen. Waren die erste zwei Wochen noch von sightseeing, einleben und klarkommen geprägt, gehe ich nun schon zwei Wochen zur Uni und auch hier: sightseeing, einleben, klarkommen.

London hat mich irgendwo überrannt, obwohl ich so viel Zeit hatte, mich darauf vorzubereiten. Auf eine Stadt wie London kann man sich, glaube ich, gar nicht vorbereiten. London ist wie ein niemals stoppendes Karussell, auf das man entweder aufspringen kann oder ewig außen vor bleibt. Wählt man erstere Option wird man erst einmal durchgeschüttelt, von der Geschwindigkeit, aber auch von der Gemächlichkeit in bestimmten Dingen, von den Preisen, den Eindrücken, den anderen kulturellen Gegebenheiten, der Vielfältigkeit, dem Andersseins. Wahrscheinlich dauert es eine Weile bis man sich an all das gewöhnt. Wahrscheinlich. Vielleicht gewöhnt man sich aber auch niemals daran, bleibt immer verwirrt und perplex, niemals mit der Möglichkeit sich auf seinen Entdeckungen auszuruhen und entweder man hält das aus, lernt mit der Ungewissheit zu leben oder steigt halt irgendwann aus. Weiterlesen

„Einfach machen“ als Handlungsmaxime der Generation Y // Ein persönlicher Umgang und eine objektive Erklärung

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Ich habe jetzt also vor zwei Wochen angefangen Inhalte für diesen Blog zu schreiben. Oder eher andersherum: die Inhalte schreibe ich schon länger, wenn nicht schon mein ganzen Leben, doch nun habe ich mir ein Herz gefasst sie online zu stellen. Bei dem Gedanken sie hochzuladen, sie zur Kritik zu stellen, sie angreifbar zu machen, sie nicht direkt erklären zu können, verknotet sich mein Magen. Es fühlt sich an wie ein Seelenstriptees ohne Gleichen, wie nackt auf der Bühne festgeklebt zu sein. Und doch in zweiter Instanz genau richtig. Doch wieso gerade jetzt? „Mach doch einfach“ habe ich mir selbst schon unzählige Male gedacht und in naher Vergangenheit auch von Freunden zu hören bekommen, denen ich ein paar Texte gezeigt habe. „Mach doch einfach“ – es scheint schon fast unsere Pflicht zu sein, doch was soll daran einfach sein?

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Schubladenbruch // London #2

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Ich sitze in der Bibliothek. Ja, hier geht es direkt richtig los. Es ist ernst, aber auch weil ich es ernst nehme. Weil ich wirklich will, nicht weil das alle so tun. Ich sitze also in der Bibliothek und schaue mich um. Das Treiben um mich herum ist faszinierend. Ich sehe 1000 unbekannte Gesichter und frage mich ob und wenn ja welches davon vielleicht bald schon kein Unbekanntes mehr sein wird. Ich bin immer noch ich, doch frage ich mich auch: wie werde ich mich hier entwickeln? Was denke ich in einem Jahr? Und welche Auswirkung hat dieser Platz hier darauf? Weiterlesen

I don’t want to be a tourist – Wait, what? // London #1

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[English version below]

Also, jetzt mal Hand aufs Herz: ich bin überfordert mit den Anforderungen, die ich mir beim Erkunden einer neuen Umgebung selber stelle. Ich möchte möglichst viel wissen, mich im Nachhinein bestmöglich auskennen und Auskunft geben können. Früher war ich so verpeilt, dass ich es meist erst vor Ort schaffte, den Reiseführer aufzuschlagen, wenn es denn überhaupt vorher zum Kauf eines solchen gekommen war. Mich hat das genervt. Mich hat es genervt keine Ahnung zu haben und die Hälfte der ersten Tage damit zu verbringen einen Plan zu machen. Gleichzeitig scheint das momentan wieder ganz cool zu sein: einfach mal treiben lassen und sich unter die Einheimischen mischen. The real experience eben. Dabei möchte ich es aber vermeiden in Tourifallen zu tappen, aber wie um Himmels willen schafft man das ohne entweder auf gut Glück etwas auszuprobieren oder sich vorher zu informieren? Ich möchte neues kennenlernen, aber gleichzeitig nicht als Touri gelten. Ich möchte den dort bereits länger Lebenden nicht das Gefühl geben, sie wie im Zoo zu beobachten, gleichzeitig habe ich aber diesen Wissensdurst in mir, der mich manchmal stundenlang in Cafes oder in Parks sitzen lässt nur damit beschäftigt, die Gegend zu scannen. Wann um Himmels willen ist es uncool geworden, interessiert zu sein? „Die ganzen Touristen schon wieder“ – ein Satz, der in Berlin, vor allem wenn man nahe der Warschauer Brücke gewohnt hat, fast täglich fällt. Weiterlesen

Ready for take off, am I? // London #0

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Ich sitze im Arbeitszimmer, beziehungsweise im ehemaligen Arbeitszimmer. Vor circa 4 Jahren habe ich angefangen es peu á peu in Anspruch zu nehmen und es als Zwischenlager für Möbel, Kleidung und andere Dinge, die bei einem Umzug irgendwie nicht mehr mitkonnten, umzufunktionieren.

Ich sitze am Schreibtisch und schaue aus dem Fenster. Im Rücken habe ich das Chaos der letzten sechs Jahre: Halbwegs sortierte Überbleibsel von fünf Umzügen, scheinbar wahllos zu Haufen beisammen geschoben. Mein Hab und Gut. Was soll mit, was kann bleiben? Ein Sinnbild für den Zustand in meinem Kopf. Kommende Woche steht mein Umzug nach London an. Man sollte meinen nach einigen Stadtwechseln, auch ins Ausland, hat sich eine gewisse Routine eingespielt. Doch mit den Erwartungen wächst auch das Chaos. Ein flaues Gefühl im Magen, dass die vergangenen Tage gewachsen ist. Die romantischen Vorstellungen im Kopf, die seit der Zusage an der Goldsmiths University gedeiht sind, werden sich kommende Woche mit der Realität messen müssen. Was wird sich bestätigen, was wird enttäuschend, was wird anders? Und vor allem: habe ich die richtige Entscheidung getroffen? Weiterlesen