Eine Lanze für die Unzufriedenheit // London #6

january-bluesEine mir sehr nahe stehende Person hat einmal zu mir gesagt, dass ich ein sehr unzufriedener Mensch sei. Der Kommentar hat mich zuerst schockiert, dann traurig und dann nachdenklich gemacht. Ich habe mir die Bemerkung wirklich zu Herzen genommen, habe in vielen Situationen danach an sie gedacht und mein Verhalten mit ihr abgeglichen. Im Großen und Ganzen hat die Bemerkung mich aber vorrangig verletzt. Denn mit dieser Aussage klang auch eine Art Vorwurf mit: du schätzt Dinge nicht genug wert. Du wirst immer unzufrieden sein, egal was du machst. Du hast keinen Sinn für Zufriedenheit und dein Hang zur Unzufriedenheit hat keine ehrliche Referenz, sondern ist lediglich ein Drang nach stetiger Veränderung, weil es irgendwo immer noch besser, größer, schöner ist. Du erreichst Ziele, um neue zu setzen ohne jemals anzukommen. Aber ist das wirklich so?

Ich möchte hiermit eine Lanze für die Unzufriedenheit brechen. Das Gegenteil davon, Zufriedenheit, ist das was in unserer Generation und Gesellschaft das Endziel darstellt. Jeder soll zufrieden sein und glücklich, doch niemand sagt einem wie man dorthin kommt. Als Mensch in einem westlichen Land lebend, mit diesem ganzen Luxus, müsste uns die Zufriedenheit doch eigentlich von alleine auf die Schulter segeln und dort für immer verharren. „Wenn du unzufrieden bist, wie soll es dann den Menschen in Afrika gehen?“. Ein Totschlagargument gegen die Unzufriedenheit. Im Gesamtkosmos scheint Unzufriedenheit in unseren Köpfen nicht existieren zu dürfen. Und darin liegt meiner Meinung nach der Fehler.

Wir sind alle Individuen mit eigenen Geschmäckern, Träumen, Ideen. Diese Komponenten unserer Persönlichkeit sind nur leider nicht auf unserer Geburtsurkunde vermerkt, sondern wollen erforscht und gefunden werden. Idealerweise gleicht der Erkundungsweg einem Sechser im Lotto: alles Neubegonnene passt perfekt auf die eigenen Neigungen und die folgende Tür führt in den zweiten Stock. Solche Menschen gibt es ja und werden auch von mir immer wieder bewundert. In meiner Realität sieht das allerdings meist anders aus, sodass manche Türen wieder geschlossen werden und ich mich im vorherigen Raum neu orientieren muss. Wieso musste ich zurückgehen? Was hat mich ursprünglich dazu gebracht, diese Tür zu wählen? Und was hatte ich mir eigentlich erhofft? Was ist eingetreten und was hat mich überrascht?

In meinem Leben bin ich schon durch einige Türen gegangen, habe sogar manchmal ganze Häuser erklommen. Und bin doch wieder ins Erdgeschoss zurück. Die Räume waren mir zu klein, zu groß, zu fremd, manchmal sogar bereits besetzt.

Im Grunde genommen kann man sich wahrscheinlich mit den meisten Lebensformen anfreunden, egal ob sie zu klein, zu groß oder sogar fremd sind – würden wir hier in Deutschland nicht in einer Welt leben, in der uns alle Türen offen stehen, in der wir an unseren Job auch den Anspruch stellen können, dass er uns erfüllt. Wir werden aufgefordert, das zu finden was uns glücklich macht. Gleichzeitig wird aber die Unzufriedenheit gescholten. Glück finden ist meiner Erfahrung nach ohne eine vorherige Unzufriedenheit äußerst kompliziert. Man muss sich Freiräume für das Glück schaffen und ja, ich finde das kann man durchaus proaktiv tun. Würden wir nur auf das Glück warten und uns einreden, zufrieden zu sein, dann lebten wir doch bloß nach einer anderen Nase. Die Momente des Unzufriedenseins sind wahrscheinlich die essentiellsten um danach zur Zufriedenheit zu gelangen. Denn diese unangenehme Regung, die wie Juckpulver durch die Seele zieht, zeigt uns klar auf, dass sich etwas ändern muss – und wenn man ganz genau hinschaut und sich traut zu lauschen, verrät sie einem sogar auch was. Vorausgesetzt natürlich die Regung entspringt dem Inneren und nicht einem von außen suggerierten Ideal. Die Differenzierung ist zuweilen schwierig, weil fließend und bedarf einiger Übung. Es heißt also der Unzufriedenheit Raum zu geben, sie zu betrachten und abzuschätzen. Sie verrät uns so viel über das was wir wollen und können, dass es eine Schande wäre, ihre klare Stimme nicht sprechen zu lassen.

Ich sitze nun hier in London. Nach vier Jahren in Mannheim, nach vier Jahren der Unzufriedenheit kann ich sagen, dass es sich gelohnt hat diese nicht zu ignorieren. Ich habe alles probiert, um sie vom Gegenteil zu überzeugen, aber sie war im Endeffekt stärker. Und Recht hatte sie auch. Ich sitze jetzt in Vorlesungen und höre gespannt zwei Stunden zu, ohne mich von jedem kleinen bisschen ablenken zu lassen. Meine Selbstzweifel lösen sich in Luft auf. Vorerst scheine ich angekommen zu sein. Ich werde meine Unzufriedenheit folglich pflegen und es nach Rilkes Ratschlag halten: „Und ihr Zweifel kann eine gute Eigenschaft sein, wenn sie ihn erziehen. Er muss wissend werden, er muss Kritik werden. Fragen Sie Ihn so oft er Ihnen was verderben will, weshalb etwas hässlich ist, verlangen Sie Beweise von ihm, prüfen Sie ihn, und Sie werden ihn vielleicht ratlos und verlegen, vielleicht auch aufbegehrend finden. Aber geben Sie nicht nach, fordern Sie Argumente und handeln Sie so, aufmerksam und konsequent, jedes einzelne Mal, und der Tag wird kommen, da er aus einem Zerstörer einer Ihrer besten Arbeiter werden wird.- vielleicht der klügste von allen, die an Ihrem Leben bauen.“

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