Die Schattenseite der Selbstverwirklichung // Oder: Schwärmen ist einfach. London #5

schwa%cc%88rmen-ist-einfach

Ich schwärme gerne. Ich schwärme oft und viel, aber wohl genauso oft beschwere ich mich auch, nörgele und bin überhaupt nicht zufrieden mit dem Status Quo. Die vergangenen 12 Wochen London (ZWÖLF) sind rasend schnell verflogen und der generell bisher vorherrschende Tenor ist durchaus positiv. Wie bereits in vergangenen Texten immer wieder angedeutet: hier erfüllt sich schon ein großer Traum. Einer, der schönerweise auf eine ebenbürtige Realität trifft. Und das macht natürlich vieles einfach. Nichtsdestotrotz habe ich mich in den letzten Wochen auch oft bescheiden gefühlt, habe die ein oder andere Träne rollen lassen, zuweilen auch ganze Bäche. Als ich diesen Blog begann, habe ich mich teilweise ein bisschen geärgert, denn in den vergangenen vier Jahren hatte ich wirklich viele Dinge, die hätten gesagt werden können. Jetzt im Nachhinein, wo alles ganz gut läuft, darüber zu schreiben, wie super es jetzt bei mir doch ausgekommen ist, ist kein allzu großes Hexenwerk. Die wirklich brutalen Realitäten, die diesem ganzen momentanen Glück zuvorgehen, schlummern nun friedlich in der Vergangenheit, eingereiht in die Schicksalskette des Lebens.

Das Gras des Lebens scheint von außen ja bekanntlich immer grüner und saftiger als es von innen der Fall ist und von daher will ich mir nun ein Herz fassen, auch mal ein bisschen Herzschmerz zu teilen. Ich weiß nämlich, dass ich Königin der Beschönigungen bin, dass ich Momente, die mich glücklich zurücklassen, oft in den Himmel hebe. Aber so ist es nicht immer. Versprochen. Es ist viel eher ein ewiges Auf und Ab – Ängste, Zweifel, Verunsicherungen mischen sich in Glück, Luftsprünge und Zufriedenheit.

Obwohl es wie gesagt schon immer mein Traum war in England zu studieren, habe ich lange darüber nachgedacht und abgewogen. Schließlich verließ ich dafür nicht nur eine wunderbare Zeit in Berlin mit vielen mir ans Herz gewachsenen Freunden, sondern auch meinen Freund, mit dem ich dieses Jahr zum ersten Mal nicht nur eine Stadt, sondern auch gleich ein Zimmer teilte. Ein von Null auf Hundert Experiment, das, nach 3 Jahren Fernbeziehung, erfreulich gut ging. So gut, dass wir zwei, hartnäckigen Freunde der Fernbeziehung, zu dem Entschluss kamen, dass so viel Nähe und Routine doch auch etwas wunderbares hat, etwas sehr sicherndes und wohliges.

Jetzt sitze ich in meinem kalten Zimmer in London und habe vor wenigen Stunden diesen Herr Freund wieder ins Mutterland verabschiedet. Wie können 40 gemeinsame Stunden je reichen? Nach drei Jahren Fernbeziehung müsste man meinen wir seien Experten. Wir sind Laien von der schlimmsten Sorte. Denn entgegen dem klassischen Rhythmus der Long-Distance-Relationship hatte wir es immer geschafft uns mindestens drei Tage, wenn nicht sogar länger zu sehen. Wo andere sich mit gemeinsamen Unternehmungen die Zeit vertreiben, ließen wir es immer schon sehr ruhig angehen, mit viel Zeit in den eigenen vier Wänden, mit Entschleunigung, Zeit zu zweit und oft auch einfach mit nebeneinander herleben und -schweigen. 40 Stunden. Wie soll das je genug sein? Genug Zeit Alltag einkehren zu lassen, so zu tun als sei das alles normal? 40 Stunden sind so sehr zu wenig, dass jeder wunderschöne Momente gleichzeitig ein riesiger Stich ins Herz ist. Die Uhr tickt, die Momente sind gezählt. 40 Stunden sind gerade genug Zeit, um die Erinnerungen an das was sein könnte so weit aufzureißen, dass beim Abschied eine riesengroße Wunder klafft. Können 40 gemeinsame Stunden je reichen? Gestern beglückte uns das Schicksal und ein maroder Zug verschob die tatsächliche räumliche Trennung um einen weitere Tag. Nach 5 Stunden standen wir wieder voreinander. Darauf ein Glas Wein, eine kleine Mahlzeit, gemeinsam auf der Couch und plötzlich war er da: Alltag. Einfach so setze er sich zwischen uns auf das Sofa und umsorgte die klaffenden Herzen. Ein unverhofftes Zeit-Geschenk, dass besser heilte als jede Penatencreme. Stunden, die sich tatsächlich wie Tage anfühlten, die das zuvor erst wieder geweckte Bedürfnis plötzlich besänftigte. Und den erneuten Abschied wesentlich hoffnungsvoller und schöner gestalteten.

Das sind die Schattenseite der Selbstverwirklichung, die in meinem Fall auf der anderen Seite Europas stattfinden muss. Eine Schattenseite, die bedrohlich wirkt, die natürlich im Nachhinein die ganze Unternehmung überdecken könnte. Was wiegt hier mehr? Setze ich zu viel aufs Spiel? Habe ich zu leichtfertig darauf gesetzt, dass ich schon einfach so nach meinem Belieben zurückkommen kann? Wie lassen sich zwei so unterschiedliche Dinge vergleichen? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Ich erfahre hier viel, ich lerne viel und wachse. Aber doch weiß ich auch, dass ich viel verpasse – Abende mit mir liebsten Menschen, unverhoffte kleine Momente, ausgelassene Tanzabende, Weihnachtsessen, zu denen ich es mir nicht erlauben kann zu kommen. Narrativen, in denen ich keine Rolle bekommen werde. Lohnt sich das? Abgesehen von der Entfernung (die natürlich im Zeitalter der Billigflieger weniger dramatisch ist als noch vor einigen Jahren) und dem damit einhergehenden, eben beschriebenem Herzschmerz, bin ich hier sehr glücklich. Ich bin hier bei mir und habe definitiv etwas gefunden, dass ich hochinteressant finde und für das ich mich begeistern kann – Dinge, die mir zuvor so sehr gefehlt haben. Und dadurch fühle ich mich auch als Person vollständiger. Doch die Frage bleibt: Lohnt sich das? Ich weiß es nicht. Und wahrscheinlich ist diese Frage auch nicht beantwortbar. Der vorher erwähnte Freund sagt immer „Gelebt wird vorwärts, verstanden rückwärts“. Dann halten wir das wohl auch hier so.

22112016

(click on Anna Pepperspray to see all my articles)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s