One month of London – ein Zwischenbericht // London #3

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(Link to english version below)

Vor genau einem Monat bin ich mit dem Auto hier in London angekommen. „Verrückt“ sagte man mir, „das mit dem Auto“ und „Auswandern nach dem Brexit“ sowieso. Ganze vier Wochen, die mir, wenn ich jetzt gerade so darüber nachdenke, wie ein rascher Augenblick vorkommen. Waren die erste zwei Wochen noch von sightseeing, einleben und klarkommen geprägt, gehe ich nun schon zwei Wochen zur Uni und auch hier: sightseeing, einleben, klarkommen.

London hat mich irgendwo überrannt, obwohl ich so viel Zeit hatte, mich darauf vorzubereiten. Auf eine Stadt wie London kann man sich, glaube ich, gar nicht vorbereiten. London ist wie ein niemals stoppendes Karussell, auf das man entweder aufspringen kann oder ewig außen vor bleibt. Wählt man erstere Option wird man erst einmal durchgeschüttelt, von der Geschwindigkeit, aber auch von der Gemächlichkeit in bestimmten Dingen, von den Preisen, den Eindrücken, den anderen kulturellen Gegebenheiten, der Vielfältigkeit, dem Andersseins. Wahrscheinlich dauert es eine Weile bis man sich an all das gewöhnt. Wahrscheinlich. Vielleicht gewöhnt man sich aber auch niemals daran, bleibt immer verwirrt und perplex, niemals mit der Möglichkeit sich auf seinen Entdeckungen auszuruhen und entweder man hält das aus, lernt mit der Ungewissheit zu leben oder steigt halt irgendwann aus.

Ich wohne hier in Peckham, Süd-Ost London. Eine Gegend, in die vor ein paar Jahren noch kein Mensch gezogen wäre. „Das wäre ja fast Selbstmord“, sagte mir einer, der schon seit 15 Jahre nicht mehr hier lebt. Jetzt ist Peckham teilweise gentrifiziert, aber natürlich meilenweit von den prachtvollen Bauten und der anmutigen Atmosphäre in Westminster entfernt. Peckham ist eher ruhig und grün, schon fast dörflich mit seiner kleinen Hauptstraße auf der man alles findet: einen Grocery Shop, einen Metzger, ein typisches English Breakfast Local, zwei Pubs, zwei gute Restaurants und eine Handvoll süßer Shops. Von meinem Haus kann ich dorthin laufen, mein Rad kostenlos aufpumpen. Dann die belebtere Gegend um die Overground Station. Hippe Cafes reihen sich hier in die aufregende Gesellschaft afrikanischer Shops. Der Duft von Organic Coffee trifft auf den Geruch von rohem Fleisch. Etliche Friseure händeln vor allem am Wochenende die Haare der großen „afrikanischen“ Gemeinde. Haare fliegen auf dem Boden rum, Paletten auf denen das Obst angekarrt wird ebenso. Ist es Nacht und die Pubs geschlossen, läuft man nicht selten Füchsen auf der Straße über den Weg. Großen Füchsen, die hier eine Plage sind und für mich so verzaubernd und ungewöhnlich wie fast nichts anderes in London. Es ist viel los hier und zu Beginn war es verwirrend: wie sicher kann ich mich hier fühlen? Mein Handy ist weg, aber ich bin mir sehr sicher, dass daran kein anderer Schuld ist. Hatte ich es vorher auf offener Straße gezückt und gedankenverloren drauf gestarrt, kamen mir oft Leute nahe, aber nicht wegen des Handys, sondern um zu fragen „Hey, are you lost?“.

In Peckham kann man gar nicht verloren gehen, zu klein und einfach ist es hier. Ist das überhaupt noch London? Ich vergesse es manchmal fast. Doch schaue ich dann gen Norden und habe das Glück, dass die Straßen nicht verbaut sind, ragt das Shard von ganz dort oben hinunter. Eine ständige Erinnerung daran, dass das heimelige Peckham trügerisch ist, dass es Teil eines großen Ganzen ist, was man hier, wenn man so durch die Straßen läuft und eigentlich nichts vermisst, schnell vergisst. Es ist ein angenehmes Gefühl die Hektik von Central in einem gewissen Abstand zu wissen und doch immer wieder eintauchen zu können, wenn man denn dann möchte. Ich bin vier Wochen hier und fühle mich in Peckham schon verdammt angekommen. Steige ich aber in die Overground, spuckt sie mich wenige Minuten später Mitten im Trubel aus und es ist alles wieder da: das Nicht-Wissen, die Desorientierung, die Fragezeichen. Ein Trubel der mitreißt, der mich immer wieder staunen lässt, dessen anstrengende Seite ich immer erst bemerke, wenn ich beim Aussteigen in Peckham wahrnehme wie laut und viel das doch eben war. Ähnlich einem Discobesuch, bei dem die Ohren danach im Bett noch eine Weile weiterrauschen. Das Rumfahren wird schnell zur Gewohnheit und auch die Orientierung in der Stadt ist Dank Google einfach wie nie. Ich fühle mich schon ein bisschen mehr Zuhause, als noch vor einer Woche. Ich gehe nicht mehr so langsam, wie noch hier beschrieben. Und doch gibt es diese Momente, wie beispielsweise gestern Abend.

Nachdem ich zwei Stunden lang durch die Räume des Tate Modern gewandert bin und mich von der unfassbaren Geräumigkeit des Gebäudes habe beeindrucken lassen, verlasse ich das Museum, um einen Bus zu suchen, der mich nach Dalston fährt. Wenige Meter später finde ich mich auf der Millennium Bridge wieder. Im Rücken das mächtige Tate, links und rechts die Themse, sowie irrsinnig viele kleine Lichter aus immer noch besetzen Bürogebäuden. Vor mir die angestrahlte St. Paul’s Cathedral und es haut mich förmlich um: ich bin in London. Ich werde ganz klein und diese riesige Stadt mit den etlichen Straßen, Pubs, Menschen atmet, pulsiert, lebt in ihrer ganzen Größe um mich einmal auf.

Mein Handy mag lost sein, in den Unterwelten Londons abgetaucht, es ist abgesprungen ob all’ des Trubels, und auch wenn ich manchmal lost bin, fühle ich mich doch genau richtig. Auch im Zustand des Verlorenseins. Und ich könnte mir vorstellen, dass das genau Londons Reiz ausmacht.

Published in Goldsmiths smiths magazine.

08102016

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